Wie der Jazz nach Frankfurt kam

Aufgelockert mit zahlreichen Musikbeispielen und alten Fotografien präsentierte Jürgen Schwab „Jazzgeschichte(n)“ einem interessierten Publikum im gut gefüllten Gemeinderaum der evangelischen Kirche. Sylvia Lippmann und der Geschichtsverein hatten Jürgen Schwab, Musiker, Rundfunkmoderator und Professor der Musikwissenschaften eingeladen, um über den Buchschlager Horst Lippmann und die Frankfurter Jazzszene der Vierziger und Fünfziger Jahre zu berichten. Im Anschluss konnten Plakate und Programmhefte aus dem Nachlass von Horst Lippmann betrachtet und erworben werden. (27. Mai 2026)

Bereits Ende 1939 hatte sich in Frankfurt ein Kreis jugendlicher Musiker zusammengefunden, der sich mit großer Leidenschaft dem Jazz widmete und damit einer Musik, die den nationalsozialistischen Machthabern als Inbegriff des „Entarteten“ galt. Aber die Begeisterung für diese Musik resultierte nicht in politischem Widerstand, sondern eher in jugendlichem Aufbegehren gegen die Fremdbestimmung ihrer Freizeit durch die Staatsorgane. Dafür ging man allerdings existentielle Risiken ein. Der Schlagzeuger Horst Lippmann und der Klarinettist Emil Mangelsdorff wurden zum Beispiel verhaftet und mehrere Wochen im Gefängnis festgehalten.

Von Anfang an näherten sich die Frankfurter dem Phänomen Jazz nicht nur im praktischen Musizieren, sondern auch mit großem theoretischem Eifer. Man traf sich privat, um gemeinsam Platten zu hören und über das Gehörte zu diskutieren. Nach dem Krieg wurden die „analytischen Plattenabende“, die der „Hot Club Frankfurt“ zu einer festen Institution. Organisiert war der Hot Club Frankfurt nach dem Vorbild des Pariser Hot Club de France. Wie dieser hatte man auch eine clubeigene Band, die „Two Beat Stompers“, die bis in die zweite Hälfte der 50er Jahre als Deutschlands profilierteste Formation im traditionellen Jazz galt. Frankfurt zog Musiker an wie ein riesiger Magnet.

In der Stadt mit dem Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte gab es viel Arbeit für Musiker, und der Flughafen brachte immer wieder amerikanische Jazzstars auf ihren Europatourneen an den Main. Nach ihren Konzertauftritten vor großem Publikum kamen legendäre Figuren wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Zoot Sims, Sonny Rollins oder das komplette Modern Jazz Quartet in den Keller, um mit ihren Frankfurter Kollegen zu jammen, zu reden und zu trinken. Die organisierten bald selbst Tourneen, mit denen sie den Jazz über die Grenzen der Region hinaus bekannt machen wollten, auf zunächst rein idealistischer Basis. Aus solchen Anfängen entstand später mit Lippmann+Rau eine der größten Konzertagenturen des Landes. Horst Lippmann war es auch, der ein unweit des Jazzkellers gelegenes Fachwerkhaus kaufte und sanierte. 1958 wurde das „Jazzhaus“ eingeweiht.

Im selben Jahr, 1958, wurde außerdem das Jazzensemble des Hessischen Rundfunks gegründet, ebenfalls auf Betreiben von Lippmann. Er war es auch, der 1953 das Deutsche Jazzfestival aus der Taufe gehoben hatte. Der Aufstieg Frankfurts zur „Jazzhauptstadt Deutschlands“ ist zu einem nicht geringen Teil dem Organisationseifer von Männern wie Horst Lippmann oder Carlo Bohländer zu danken. (Jürgen Schwab, gekürzt)